Was Ist Stress?


Stress bedeutet unterschiedliche Dinge für verschiedene Menschen. In der Gemeinsprache erkennen die Leute einen Zustand, in dem zu viel von ihnen erwartet wurde, sie unter Druck oder Anspannung stehen, in dem die gerade noch mit den externen Anforderungen zurechtkommen, welcher sowohl exzessiv als auch anhaltend ist. Er hat eine Anzahl Synonyme, die aber alle die Konnotation unzumutbarer Anforderungen tragen, die dem Individuum in einem emotionalen, mentalen oder psychologischen Sinne aufgebürdet sind.

Ein ähnliches Konzept unterliegt dem Terminus Stress in den physikalischen Wissenschaften, eine verformende Kraft die auf ein Objekt oder eine Struktur ausgeübt wird, welche, wenn es nicht resistent ist, das Objekt beschädigen oder zerstören würde. Die Analogie ist graphisch und offensichtlich. Wissenschafter in den biologischen und Gesundheitswissenschaften verwenden auch Stress in gleicher Weise mit feinen Unterschieden. Sie verweisen auf Anforderungen der Umwelt, die einen Organismus, falls nicht resistent, beschädigen oder zerstören würden. Das kann auch auf das gesamte Umweltsystem angewandt werden. Das gemeinsame Thema ist ein externer Faktor, der, falls nicht resistent, das System beschädigen oder zerstören würde.

Warum wird Stress daher im medizinischen Sprachgebrauch nicht universal gemessen, analysiert und behandelt? Warum, in der Tat, wurde er oft verleumdet oder ignoriert oder in eine Randzone der Medizin verschoben? Die Antwort ist, dass Ärzte dazu neigen, nur das zu glauben, was sie messen, beobachten und klassifizieren können. Es ist diese fehlende physikalische Präsenz, die Unfähigkeit zu biopsieren, fotografieren, untersuchen oder quantifizieren, was dazu geführt hat, dass Stress lange nicht als Teil der konventionellen Medizin angesehen wurde.

Trotzdem der Ignoranz und des Desinteresses an der Untersuchung von Stress, welche vielfach die konventionelle Medizin gezeigt hat, haben neuere Entwicklungen in der Physiologie und Biomathematik zu vermehrten Einblicken in die Messung der Effekte von Stress auf den Körper geführt. Dies kann uns ermöglichen, nicht nur die Wirkung von Stress auf den Körper zu bestimmen, sondern auch wie viel Reservekapazität übrig ist, um mit weiterem Stress zurechtzukommen, sei es physischer Stress (wie Hitze, Kälte oder Tätigkeit) oder psychologischer Stress.

Der Körper hat ein autonomes Nervensystem, das eine komplexe Folge neuronaler Verbindungen ist, die alle Organe mit dem Gehirn verbinden, um ihre gesamte interne Umgebung zu kontrollieren. Dieses autonome Nervensystem ist sowohl unsere Hauptabwehr gegen Stress, als auch das System, welches die erste symptomatische Manifestation von Stress in seinen Frühstadien anzeigt.

Das autonome Nervensystem wird konventionell in zwei Anteile mit einem Ying-/ Yang-Gleichgewicht unterteilt: den sympathischen, welcher Organe aktiviert und sie darauf vorbereitet, mit Tätigkeiten oder anderem physischen Stress zurechtzukommen; und den parasympathischen, welcher die im Hintergrund ablaufenden „Haushaltsfunktionen“ des Körpers kontrolliert. Eine Aktivierung des sympathischen Nervensystems führt zu einem schnelleren Herzschlag, einer Konstriktion der Blutgefäße zu weniger wichtigen Organen wie der Haut und eine Verstärkung der Atmung und Wachsamkeit. Dieses System dilatiert auch das Auge, hebt die Körpertemperatur durch die Verbrennung von Fett an und verursacht erhöhte Aktivität von motorischen Nerven, wodurch es zum Beispiel den klassischen Tremor und Angstschweiß verursacht. Palpitationen können wahrgenommen werden und tatsächlich in unregelmäßigen Herzschlag resultieren. Die Atemfrequenz steigt an - dies kann dazu führen, dass Kohlendioxid abgeatmet wird, was dazu führt, dass das arterielle Blut alkalischer wird, was wiederum die Nerven hyper-exzitabel macht und zu unangenehmen Empfindungen wie Kribblen oder Taubheit, klassischerweise um den Mund und an den Fingerspitzen führt. Es resultiert eine Konstriktion der Blutgefäße zum Gehirn statt, welche Schwindel und Abgeschlagenheit verursachen kann. Viele dieser Empfindungen selbst führen dazu, dass die Person sich sogar noch ängstlicher fühlt und verschlimmern dadurch die initiale Stimulation des sympathischen Systems.

Das ausgleichende System zu dem sympathischen ist das parasympathische System. Dieses System kontrolliert innere Organe zu Zeiten der Relaxation, zum Beispiel, wenn jemand ruhig schläft oder sich in Ruhe befindet. Es harmonisiert das Herz, die Blutgefäße und das Atemmuster und verursacht klassischerweise eine langsame Herzfrequenz, relaxierte Blutgefäße und eine langsame, tiefe Atmung. Der Darm und die Haut erhalten eine gute Blutversorgung in dieser Situation und Hintergrundfunktionen, wie die Verdauung von Nahrung werden erleichtert, wenn dieses System vorrangig aktive ist. Über Jahrzehnte hat man viel über diese Systeme gewusst - sie waren jedoch historisch schwer im Patienten zu messen, was zu Unwissen über ihre Rolle für Gesundheit und Krankheit geführt hat.

Ein bedeutender Fortschritt in der Erforschung von Stressreaktionen war, dass mathematische Analysen biologischer Rhythmen ein Fenster zu der Funktionsweise dieser autonomen Systeme gewährt haben. Die komplexe Interaktion der Blutgefäße des Herzens, der Lunge und des zentralen Nervensystems bedeutet, dass physiologische Parameter wie die Herzfrequenz nicht fest sind, sondern in einer komplexen, nicht willkürlichen Weise schwanken.

Stellen Sie sich ein Haus mit einer Zentralheizung vor. Es benötigt einen Thermostat um die Temperatur stabil auf dem gewünschten Niveau zu halten und dieser muss mit Fenstern und Türen, die geöffnet werden und kalte Luft hereinlassen, zurechtkommen. Der Thermostat muss eine Reduktion der Raumtemperatur wahrnehmen und dann die Heizung anschalten, um diese auszugeichen. Unvermeidbar kommt es zu einer Verzögerung bis die Temperatur zu dem gewünschten Niveau zurückkehrt und ebenso unvermeidbar wird die Temperatur oft das gewünschte Niveau überschreiten, bis die erhöhte Temperatur gemessen wird und die Heizung wieder heruntergeregelt wird. Das Nettoergebnis ist, dass die Temperatur, welche stabil war, bis das Fenster geöffnet wurde, dann steigt, dann über das Ziel hinausschießt, dann wieder fällt, dann über das Ziel hinausschießt, kontinuierlich weiter oszilliert, weit über die Zeit der initialen Temperaturveränderung hinaus. Abhängig von der Charakteristika des Thermostats und der Heizung kann diese Oszillation der Raumtemperatur sich kontinuierlich fortsetzen für einen langen Zeitraum, oder sogar permanent. Das Verhalten wie es durch die rhythmischen Fluktuationen der Temperatur gemessen wird, ist abhängig von den Charakteristika des Thermostats, wie seinem Verstärkungsgrad (das Ausmaß wie er kleine Veränderungen der Temperatur wahrnimmt, um große Anstiege in der Wärmeerzeugung zu verursachen) und seine Verzögerung (die Geschwindigkeit, mit der er auf eine Temperaturveränderung reagiert).

Im Körper gibt es multiple Sensoren wie den Hausthermostat aus unserem theoretischen Modell. Sie messen Parameter wie die Herzfrequenz, den Blutdruck, die Körpertemperatur sowie den biochemischen Sauerstoff- und Kohlendioxidgehalt des Bluts. Es gibt viele Sensoren für jede Art der Messung, jeder mit einer unterschiedlichen Sensitivität und einer unterschiedlichen Verzögerungscharakteristik. Der Nettoeffekt ist dass jede Messung (Herzfrequenz, Blutdruck, Atemfrequenz etc.) nicht stabil ist, sondern vielmehr oszilliert und zwar nicht nur in einer Frequenz, sondern in verschiedenen Frequenzen gleichzeitig. Diese oszilleratorischen Rhythmen können mathematisch zerlegt werden, um die zugrundeliegenden Sensitivitäten und Verzögerungen jedes einzelnen Sensors und die Aktivität der Nerven, die diesen Sensoren zugeordnet sind zu erkennen. Diese Sensoren und ihre Nerven sind die mechanischen Elemente der beiden Bestandteile des autonomen sympathischen Nervensystems, wie es oben beschrieben wurde: der Sympathikus und der Parasympathikus. Durch die Messung dieser Oszillerationen können wir sagen, wie aktiv diese beiden Anteile sind; wie aktiv und wie viel Reserve besteht. Zum Beispiel reduziert ein aktiver Sympathikus das Ausmaß der klassischen 4-Sekunden-Herzfrequenzoszilleraton und erhöht relativ den Umfang des Cyclings in einem Durchgang alle zehn Minuten. Im Gegensatz dazu aktiviert der Parasympathikus den 4-Sekunden-Rhythmus und supprimiert den 10-Sekunden-Rhythmus.

Diese Rhythmen sind nicht nur interessant, weil sie uns zeigen, wie unser Körper funktioniert, sondern auch weil sie einen wesentlichen medizinischen Nutzen haben. Bei Patienten, die sich in der Erholungsphase nach einem Herzinfarkt befinden, bei Patienten, die an Herzversagen leiden und bei sehr kranken Patienten auf der Intensivstation hat sich der Betrag der 4-Sekunden-Rhythmusfluktuation der Herzfrequenz wiederholt als leistungsfähiger Prädiktor des Überlebens erwiesen. Bei diesen Patienten mit reduzierten 4-Sekunden-Fluktuationen ist es wahrscheinlicher, dass sie sterben als bei denen mit mehr Anzeichen dieses Rhythmus. Behandlungen, die diesen parasympathischen 4-Sekunden-Rhythmus erhöhen, wie Betablocker, ACE-Hemmer und körperliches Training, sind mit einem verbesserten Überleben assoziiert und solche, die diesen Rhythmus reduzieren verschlechtern das Überleben.

In einer ähnlichen Weise können natürliche oder durch den Lebensstil induzierte Veränderungen der Aktivität des parasympathischen und des sympathischen Systems uns viel über die physiologischen Gesundheit eines Individuums sagen - wieviel Stress sie erfahren und wieviel Reserve sie übrigbehalten. Wir haben nun die Möglichkeit einen neuen Fachbereich in der medizinischen Forschung zu öffnen: die genaue Messung von Stress, Stressantwort und Reserven zur Stress- und Testbewältigung. Dies wird uns helfen, Behandlungen zur Reduktion von Stress zu entwickeln, seine schädigenden Effekte zu vermeiden und unsere Stressabwehrreserven zu erhöhen.

Dieses Dossier fasst zusammen, wie viel wir wovon gelernt haben und führt Techniken ein, helfen können die Folgen von Stress zu mildern. Es wurde bereits viel Wissen erworben und bleibt noch viel zu lernen. Wir haben in den letzten Jahren einen guten Start in der Korrektur dieses vernachlässigten Teils der medizinischen Wissenschaft, der Wissenschaft von Stress und seiner Behandlung gehabt.